Strategien entwickeln für eine mehrsprachige Zukunft - eine Aufgabe für Schulen, Universitäten und die Unternehmen

Was können Universitäten tun, um ihre Studenten auf ein mehrsprachiges Arbeitsumfeld vorzubereiten? Wo sollten Bildungseinrichtungen und Unternehmen intensiver zusammenarbeiten, um künftige Mitarbeiter für den Markt fit zu machen? Wolfgang Mackiewicz kennt die Anforderungen aus seiner langjährigen Tätigkeit als Leiter des Sprachenzentrums der Freien Universität Berlin sowie als Präsident des European Language Council (CEL/ELC). Im Interview mit SPRACHEN & BERUF beleuchtet er aktuelle Handlungsfelder aus Bildungs- wie Unternehmensperspektive.

Als Schüler und Student selbst noch mit einem stark grammatisch ausgerichteten Unterricht konfrontiert, macht sich der in Berlin und Brüssel tätige Wissenschaftler heute vor allem für praxisnahes Sprachenlernen stark. Als Philologe begeistert ihn, wie in den Strukturen und lexikalischen Ausdrucksmitteln der verschiedenen Sprachen unterschiedliche Sichtweisen zum Ausdruck kommen. Und er beobachtet mit Freude, wie an seiner Universität junge Menschen aus der ganzen Welt mehrsprachig miteinander kommunizieren - und eben nicht nur auf Englisch.

Am 4. Mai eröffnet Wolfgang Mackiewicz die SPRACHEN & BERUF-Konferenz mit seinem Vortrag "The Multilingual Challenge: The Next Generation".


S & B: Seid nahezu vierzig Jahren sind Sie in der universitären Sprachenausbildung tätig. Welche Herausforderungen gibt es heute? Was können wir tun, um unsere Studierenden besser auf eine mehrsprachige Zukunft vorzubereiten?

Wolfgang Mackiewicz: Diese Frage lässt sich nicht allgemeingültig beantworten. Die Situation von Absolventen einer internationalen Universität wie der Freien Universität sieht anders aus als die der Absolventen einer Universität, die stärker in der Region verwurzelt ist. Dennoch: An Sprachen kommen wir alle nicht vorbei.

Stichwortartig würde ich sagen:

  • Die Hochschulen müssen ein breites Sprachenangebot für Nichtspezialisten bereithalten.
  • Anreize zum Sprachenlernen müssen dadurch geschaffen werden, dass für die erfolgreiche Teilnahme an Sprachpraxis-Veranstaltungen Leistungspunkte vergeben werden.
  • Bei der anstehenden Revision der gestuften Studiengänge müssen die Strukturen so flexibilisiert werden, dass studienbezogene Auslandsaufenthalte die Regel werden.
  • Und sie sollten – ich bin mir bewusst, dass diese Auffassung kontrovers ist – im Besonderen den Erwerb ausbaufähiger allgemeinsprachlicher Kenntnisse fördern.


S & B: Wie lässt sich die kommende Generation strategisch auf das Leben und Arbeiten in einem mehrsprachigen Umfeld vorbereiten?

Wolfgang Mackiewicz: Es gibt eine ganze Fülle solcher Strategien – welche Strategien sich konkret anbieten, hängt vom jeweiligen Kontext ab. Generell ist der EU zuzustimmen, wenn sie sagt, dass die mehrsprachige Kompetenz eine Schlüsselqualifikation des lebenslangen Lernens darstellt. Bereits im Vorschulalter sollte das Sprachenlernen beginnen und kontinuierlich in allen Bildungsabschnitten und danach fortgeführt werden. Dazu gehört, dass angemessene Maßnahmen für diejenigen Kinder und Jugendlichen gefunden werden, die in der Familie nicht oder nicht hinreichend Deutsch gelernt haben. Dazu gehört auch, dass nicht unbedingt Englisch als erste Fremdsprache gelernt werden muss. Zusammen genommen ist dies eine der größten Herausforderungen in unserem Bildungssystem. Konkreter heißt das auch, über bilingualen Unterricht nachzudenken – und generell noch einmal die Bildung von Erzieherinnen und Erziehern sowie Lehrerinnen und Lehrern zu überdenken.

Die Hochrangige Gruppe Mehrsprachigkeit der EU-Kommission hat allerdings mit Recht darauf hingewiesen, dass zum Spracherwerb in den Bildungssystemen andere Formen des Sprachenlernens hinzutreten müssen. Allzu häufig nämlich werden die Fremdsprachen als schwierige Fächer empfunden, die man möglichst schnell wieder loswerden will. Das Fremdsprachenlernen muss mehr als bisher Teil außerunterrichtlicher Aktivitäten werden – z. B. im Rahmen von Schulpartnerschaften, Emailtandems und Sprachenwochenenden.

S & B: Worin sehen Sie in diesem Zusammenhang die besondere Aufgabe der Universitäten?

Wolfgang Mackiewicz: Wir reden heute pausenlos von der Internationalisierung unserer Hochschulen – und in der Tat, es gibt inzwischen an den deutschen Universitäten mehr ausländische Studierende denn je zuvor. Es wird allerdings viel zu wenig getan, um diese sprachliche und kulturelle Vielfalt für die Entwicklung der Mehrsprachigkeit zu nutzen – etwa durch die konsequente Vermittlung von Sprachentandems und Sprachentrios und durch ein mehrsprachiges Management von Seminaren. Wir müssen unseren Studierenden zudem beibringen, wie man aufbauend auf bereits vorhandenen Sprachkenntnissen rezeptive Kenntnisse in weiteren, verwandten Sprachen erwerben kann – im Sinne des beschleunigten Sprachenlernens. Wir müssen ernst machen mit der systematischen Nutzung technologischer Ressourcen. Und schließlich müssen wir den Studierenden, die andere Erstsprachen als Deutsch haben, in diesen Sprachen jedoch nicht alphabetisiert sind, die Möglichkeit geben, diese Sprachen voll auszubauen.

Die Universitäten neigen jedoch dazu, Sprachkenntnisse zu den soft skills zählen, womit sie weder deren Bedeutung für Leben und Arbeiten um 21. Jahrhundert noch der intellektuellen Herausforderung des Sprachenlernens und der mehrsprachigen Kompetenz gerecht werden.

S & B: Wie können Bildungseinrichtungen und Unternehmen, insbesondere KMUs,die wesentlicher Treiber der Wirtschaft sind, besser zusammenarbeiten? Wo liegen die Schnittstellen?

Wolfgang Mackiewicz: Ich glaube, jegliche Art der Konsultation und Kooperation wäre ein Schritt nach vorn. Als wir an der Freien Universität Berlin vor einigen Jahren daran gingen, den Kompetenzbereich Fremdsprachen im Rahmen der so genannten Allgemeinen Berufsvorbereitung unserer Bachelorstudiengänge zu planen, nahmen wir zunächst mit der Industrie- und Handelskammer Kontakt auf. Später suchten wir das direkte Gespräch mit KMUs in der Region. Da bekamen wir manch harsche Kritik zu hören – unsere Absolventen brächten nicht die erforderlichen Sprachen mit, und die Sprachen, in denen sie Kenntnisse haben, könnten sie nicht angemessen anwenden. Inzwischen sind wir so weit, dass wir regelmäßig das Gespräch suchen. Aber wir müssen mehr tun: Wir müssen versuchen, durch Absolventenbefragungen und Praktikumsberichte genauere Erkenntnisse über die sprachlichen Bedarfe gerade auch von KMUs zu gewinnen.

Aber natürlich sind hier nicht nur oder gar in erster Linie die Hochschulen gefordert. Die Schulen müssen viel mehr, als das bislang der Fall ist, Vertreter von KMUs zu Informationsveranstaltungen einladen. Dabei kann die Existenz lokaler und regionaler Sprachennetze von Vorteil sein. Ich blicke deshalb gespannt nach Bremen, wo im letzten September ein Sprachenrat unter Beteiligung von Landesregierung, Bildungseinrichtungen und Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbänden errichtet wurde.

S & B: Welche Rolle fällt den Unternehmen und besonders den KMUs bei der Sprachenausbildung zu?

Wolfgang Mackiewicz: Ich fürchte, da muss ich Ihnen eine schlüssige Antwort schuldig bleiben. Die EU-Kommission versucht derzeit, im Rahmen mehrerer Initiativen Einblick zu gewinnen in Sprachenstrategien, die von KMUs erfolgreich entwickelt und umgesetzt worden sind. Eine dieser Initiativen ist die Business Platform for Multilingualism, der ich vorsitze. Aus früheren EU-Projekten weiß ich, dass große Unternehmen recht erfolgreiche Trainingsprogramme fahren, wobei sie mit Recht das Hauptgewicht auf den Sprachgebrauch und auf interkulturelle Kompetenz legen. KMUs werden häufig hierzu aus eigener Kraft nicht in der Lage sein. Die Business Platform betrachtet es deshalb als eine ihrer Aufgaben, erfolgreiche KMU-Sprachenstrategien weiter bekannt zu machen – wobei wir uns bewusst sind, dass es auch auf diesem Gebiet keine allgemein gültigen Lösungen gibt. Ich habe im Übrigen bewusst den Begriff Sprachenstrategien gewählt. Es geht um mehr als Sprachenlernen. Es geht auch um die Nutzung von Sprachendiensten und technologischen Anwendungen.

S & B: Wie kann das Bewusstsein der KMUs für die Bedeutung der Mehrsprachigkeit geschärft werden?

Wolfgang Mackiewicz: Ich glaube, das ist die alles entscheidende Frage. Ich war unlängst bei einer Veranstaltung der EU-Kommission in Brüssel, bei der es um die Zusammenarbeit von Schule und Wirtschaft ging – die erste ihrer Art. Ein Themenblock war den in der Wirtschaft benötigten transversalen Kompetenzen gewidmet. Als einziger Teilnehmer verwies ich auf die Bedeutung der Sprachen für Beschäftigungs- und Wettbewerbsfähigkeit in einer globalisierten Welt. Der Hinweis wurde von niemandem aufgegriffen – im Gegenteil, ein deutscher Unternehmensvertreter sagte mir hinterher, dass Englisch völlig ausreichend sei.

Es gibt hinreichend Beispiele, die belegen, wie die Leistungskraft von KMUs durch bestimmte Sprachenstrategien gesteigert werden kann – sei es, dass neue Märkte erschlossen wurden, sei es, dass günstige Zulieferer gewonnen werden konnten.

Ich glaube allerdings nicht, dass die Verbreitung konkreter Beispiele allein ausreichen wird, um das Bewusstsein der KMUs für die wirtschaftliche Bedeutung der Mehrsprachigkeit zu schärfen. Ich glaube vielmehr, dass wir Instrumente bereitstellen müssen, die es den KMUs ermöglichen, ihre Bedarfe selbst zu ermitteln und die für sie angemessenen Strategien auszuwählen bzw. zu entwickeln. Dies wird einer der Schwerpunkte der Arbeit der Business Platform sein. Auch hier fällt meines Erachtens lokalen oder regionalen Sprachennetzen eine wichtige Rolle zu.

Herr Prof. Mackiewicz , herzlichen Dank für das Gespräch!



14. April 2010