S & B: Frau Malter, welche Kompetenzen sollte ein Sprachtrainer mitbringen, um auf die Bedürfnisse der Unternehmen eingehen zu können?
CEFR = Common European Framework of Reference for Language Learning and Teaching (Europäischer Referenzrahmen)
Der Gemeinsame Europäische Referenzrahmen für Sprachen: Lernen, lehren, beurteilen des Europarats, legt eine für Sprachenlernende und -lehrende umfangreiche Empfehlung vor, die den Spracherwerb, die Sprachanwendung und die Sprachkompetenz von Lernenden bedarfsorientiert, transparent und vergleichbar machen soll. Der Europäische Referenzrahmen teilt alle aufgelisteten europäischen Sprachtests in sechs Schwierigkeitsstufen ein, um Angebote von unterschiedlichen Anbietern vergleichbar zu machen, z. B. CELI und CILS-Zertifikate im Italienischen.
Beschreibung des Referenzrahmens:
www.coe.int/t/DG4/Portfolio/?M=/main_pages/levels.html
Sonja Malter: Zunächst einmal ist selbstverständlich die Fach- und Methodenkompetenz ein absolutes Muss. Genauso wichtig ist jedoch die Fähigkeit, zielgruppenorientiert zu planen und die Inhalte kundenorientiert auszuwählen. Dies beinhaltet nicht nur die inhaltliche Planung und Vorbereitung von Unterrichtstunde zu Unterrichtstunde. Es bedarf zudem einer Bedarfsanalyse, eines Konzepts und der Durchführung dessen in Abgleich mit dem jeweiligen CEFR Level.
Vor allem ist jedoch eines hervorzuheben: Der Trainer sollte sich mit dem Berufsalltag der Teilnehmer vertraut machen, an die jeweiligen Arbeitsplätze gehen, fragen und recherchieren, was tatsächlich benötigt wird. Und immer wieder muss der Praxiswert des Trainings gemeinsam mit den Teilnehmern überprüft werden.
S & B: Die ERFA Wirtschaft Sprache hat einen Referenzrahmen für die Anforderungen an Sprachtrainer erstellt. Welche Kriterien setzt der Referenzrahmen an? Inwieweit kann dadurch Qualität messbar gemacht werden?
Die ERFA Wirtschaft Sprache versteht sich als Forum zum Austausch über die neusten wissenschaftlichen Entwicklungen im Bereich des berufsorientierten Fremdsprachenlehrens und -lernens sowie als lebendige Plattform für "Best Practices" in den Unternehmen. Deshalb ist der Referenzrahmen auch auf der ERFA Homepage öffentlich einsehbar.
ERFA Referenzrahmen
Sonja Malter: Der ERFA Referenzrahmen ist aus zwei Überlegungen entstanden:
Zum einen aus dem Wunsch, die Erfahrungen der Mitgliedsfirmen zu sammeln und zu teilen. Und aus diesem Bestreben heraus, sich auf eine gemeinsame Bemessungsgrundlage zu einigen und diese umzusetzen. Zum zweiten soll auch denjenigen Verantwortlichen in den Unternehmen, die keine Spezialisten im Sprachtraining sind, eine Orientierungshilfe an die Hand gegeben werden. Er soll bei der Beauftragung von Trainern und Trainerinnen helfen und gibt Kategorien vor, nach denen diese beurteilt werden können.
Der Referenzrahmen definiert die Kriterien:
- Formale Qualifikationen. Dazu gehören die formale Ausbildung, wie Studienabschluss und -schwerpunkt sowie die im Beruf erworbenen Qualifikationen.
- Fach- und Methodenkompetenz. Diese Kompetenz umfasst unter anderem sprachwissenschaftliches Wissen, Konzeption, Planung von Trainingsmaßnahmen, sowie Evaluationskompetenz
- Sozialkompetenz
- Personalkompetenz.
Diese Kriterien sind die Grundlagen für die Messung von Qualität. Um eine Messbarkeit zu erreichen, müssen den Kriterien Indikatoren, das sind Sachverhalte, die gemessen werden können, - positiv oder negativ definiert - zugeordnet werden. Dies kann je nach Art des Unterrichts und Einsatz des Trainers variieren. Ein Kriterium bei der Beschäftigung ist beispielsweise die formale Qualifikation. Hier kann ich als minimalen (Positiv) Indikator z.B. mindestens ein B.A. Abschluss in einem sprachlichem oder pädagogischem Fach festlegen, als Maximal Indikator ein M.A. oder 2. Staatsexamen.
S & B: Sie sprechen von der Ermöglichung der Transfersicherung für Mitarbeiter in die jeweilige Tätigkeit am Arbeitsplatz. Wie kann ein angemessener Transfer gesichert werden?
Sonja Malter: Heutzutage kann sich keine Weiterbildungsmaßnahme mehr leisten, nicht für die Praxis weiterzubilden. Dafür ist Zeit ein zu kostbares Gut in der Arbeitswelt.
Bei der Merck KGaA, der Firma, für die ich als Weiterbildungsreferentin tätig bin, wird sehr großer Wert auf das Lerntransfermanagement gelegt. Wir sind bestrebt, Vorgesetzte, HR, Mitarbeiter und Trainerinnen und Trainer aktiv in diesen Prozess einbinden. Für Trainerinnen und Trainer ist ein Leitfaden dafür entwickelt worden.
Ein Beispiel aus der Praxis: Mitarbeiter der Werksfeuerwehr sollen geschult werden, Notfallanrufe von Merck Mitarbeitern aus der ganzen Welt entgegenzunehmen und adäquat zu reagieren. Hier wird in einem ersten Schritt mit den Vorgesetzen exakt geklärt, was die genauen Anforderungen sind, wie die sprachlichen Voraussetzungen aussehen und was realistisch im Unterricht in einer bestimmten Zeit erreicht werden kann. Daraufhin werden die Lernsituation und das Lernumfeld so genau wie möglich an die reale Situation angepasst. Dies geschieht z.B. dadurch, dass die Telefonsituation in der Leitstelle durch andere Telefone simuliert wird. Nach einer Testphase, werden die Teilnehmer in der Praxis mit der Betreuung von Anrufen beauftragt, ihnen steht ein erfahrener Kollege als "Coach" zur Seite. Diese Erfahrungen werden wieder in den Unterricht rückgespiegelt, so dass sich ein kontinuierlicher Wechsel von Unterricht und Praxis ergibt.
Kurz & bündig: Wenn die Ziele und Bedarfe geklärt sind, wenn inhaltlich und methodisch von der Praxis für die Praxis gearbeitet wird, ist der Transfer schon im Training angelegt.
S & B: Frau Malter, Sie selbst sind auch als freiberufliche Trainerin tätig und legen dabei großen Wert auf die Praxis. Können Sie uns vielleicht ein Beispiel schildern, wie speziell die Praxisorientierung während des Trainings umgesetzt werden kann?
Sonja Malter: Ich bin in der glücklichen Lage, dass die meisten meiner Aufträge direkten Praxisbezug haben. So gebe ich z.B. Englischkurse für die Angestellten der öffentlichen Verwaltung. Hier arbeite ich mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern an unmittelbaren Beispielen aus deren Berufsalltag, sei es an Situationen, Prozessen, oder an Vokabular. Das erfordert eine intensive Vorbereitung von Seiten des Trainers, auch eine gründliche Bedarfsanalyse, die während des Trainings ständig angepasst werden muss. Das wird aber dadurch belohnt, dass die Inhalte fast 1:1 in den Berufsalltag übernommen und direkt angewendet werden können.
Ein kurzes Schlaglicht aus der jüngsten Vergangenheit: Es ist schön, wenn ein Angestellter des Friedhofsamts (ja auch das ist international), sich nicht mehr mit dem Satz an die ausländischen Hinterbliebenen wendet: "Where do you want to send the corpse to", sondern alternative Ausdruckformen beherrscht und geübt hat, mit denen er die notwendigen Informationen taktvoller und einfühlsamer erfragen und auch geben kann. Auch der in allen deutschen Ämtern so beliebte Hinweis: "You must fill in this form", lässt sich so formulieren, dass die Antragssteller nicht verschreckt nach Hause gehen. Mit diesen Möglichkeiten gehen die Teilnehmer aus dem Kurs und wenden das Erarbeitete direkt an.
Frau Malter, vielen Dank für Ihre Zeit!
September 2011