deutsch     english

Globales Englisch: Englisch als Notwendigkeit für Wirtschaftswachstum

Der sich ändernde Stellenwert des Englischen in drei Worten? "Weltweite Lingua franca", sagt David Graddol, Leiter der English Company (UK) Ltd., Co-Redakteur der Zeitschrift "English Today" und Hauptredner auf der diesjährigen SPRACHEN & BERUF. Englisch wird am Arbeitsplatz, in der Öffentlichkeit und im Privatleben gesprochen - und beeinflusst die Arten der Kommunikation. Der Globalisierungsprozess in immer mehr Unternehmen führt dazu, dass die Angestellten zunehmend mit Kollegen in anderen Ländern kommunizieren müssen, nicht nur weil die Führungsebene international ist, sondern weil sie Projekte realisieren, die die Arbeit in verschiedenen Teilen der Welt mit sich bringen und multinationale Projektteams einbinden. Dies bedeutet, dass die Angestellten in den lokalen Geschäftsstellen zunehmend auf internationaler Ebene kommunizieren müssen. Wie sieht es im Privatleben aus? Laut Graddol "überwiegen die Vorteile der zunehmenden Zweisprachigkeit die Bedenken bezüglich des Sprachwandels."

David Graddoll sprach mit SPRACHEN & BERUF über die Integration der Sprachpolitik und das "Englisch der Zukunft".


S & B: Welches sind die wichtigsten demographischen und wirtschaftlichen Faktoren, die die Sprachpolitik weltweit beeinflussen?

David Graddoll: Entwicklungsländer müssen sich in das globale Wirtschaftssystem einfügen - und zwar auf jeder Ebene. Touristen und ausländische Geschäftsleute wollen Hotels, Restaurants und Transportmöglichkeiten nutzen, in denen sie auch kommunizieren können. Auf höherer Ebene sind es technische Innovationen, die Wissenschaft, der Lehrbetrieb in den Universitäten und Finanzdienstleistungen, die alle einen Bedarf an Mitarbeitern aus unterschiedlichen Ländern haben, um aus deren gebündelten Talenten schöpfen zu können.

Auf demographischer Ebene ist es etwas komplexer: Viele Länder müssen sich jetzt mit einer "alternden Bevölkerung" auseinandersetzen. Es sind nun weniger Menschen, die zur Erwerbsbevölkerung gehören. Dies bedeutet, dass die Produktivität gesteigert werden muss - im Vergleich zur vorherigen Generation müssen weniger Arbeitnehmer ihren Beitrag zum selben oder noch höheren BIP leisten. Dies ist ein Grund, warum so viele Länder verzweifelt auf die "Weiterqualifizierung" der Arbeitskräfte setzen. Da Englisch jedoch mittlerweile der weltweite Standard für die Verbreitung von Wissen zu sein scheint - durch Forschungspublikationen, Grund- und Aufbaustudien, Unternehmensschulungen usw. - wird Englisch nun in vielen Ländern als Notwendigkeit für das Wirtschaftswachstum betrachtet.

S & B: Ihr besonderes Interesse gilt Schwellenländern wie Brasilien, Indien und China. In welchem Umfang hat denn Englisch das Arbeits- und Geschäftsleben in diesen Regionen durchdrungen?

David Graddoll: China investiert seit Anfang des 21. Jahrhunderts erheblich in die englische Sprache. Diese Investitionen zahlen sich nun allmählich aus, da die chinesische Wirtschaft sich entlang der Wertschöpfungskette nach oben bewegen muss, weg von Billigwaren und hin zu innovativen, hochwertigeren Produkten. Sowohl in Indien als auch in China werden Englischkenntnisse als unbedingte Voraussetzung für den Erfolg im Geschäftsleben angesehen. In Brasilien ist es etwas anders. Aufgrund der Geschichte und der immensen Bevölkerung, die zumeist in den Städten lebt, bedient sich die Geschäftswelt in Brasilien überraschenderweise weitestgehend nur der eigenen Sprache. Trotzdem hat sich in Brasilien eine Geschäftselite herausgebildet, die hervorragend Englisch spricht. In der Tat kann Brasilien einige der besten Englischlehrer vorweisen - in Eliteorganisationen wie Cultura Inglesa. In den staatlichen Schulen hingegen existiert der Englischunterricht so gut wie gar nicht. Wenn es um Englisch in den brasilianischen Schulen geht, die ein Großteil der Bevölkerung besucht, liegt das Land mehr als ein Jahrzehnt hinter seinen Konkurrenzländern zurück.

S & B: In Ihrem Bericht "English Next" stellen Sie die These auf, dass wir uns bereits in einer ganz neuen Umgebung und in einer neuen Phase der globalen Entwicklung des Englischen befinden. Wie sehen die neuen Regeln aus? Wer sind die Gewinner und wer die Verlierer?

David Graddoll: Die Gewinner sind offenbar die Länder, die in die englische Sprache investiert und sich langfristig dafür stark gemacht haben. Zu den Verlierern gehören die Länder, deren Investitionen ohne angemessene Vorbereitung erfolgt sind oder die nicht genug Stetigkeit bewiesen haben - meist aufgrund veränderter politischer Umstände. Und ich vermute, dass englischsprachige Länder wie Großbritannien letztendlich auch zu den Verlierern zählen werden. Wie Brasilien versteht sich Großbritannien als einsprachiges Land, doch, wie in Brasilien auch, ist die Sprachenvielfalt innerhalb der Bevölkerung des Landes in Wirklichkeit enorm.

Zweisprachigkeit lautet die neue Regel, vorzugsweise sogar Mehrsprachigkeit. Einsprachige Länder werden deshalb wahrscheinlich den Kürzeren ziehen.

S & B: Eine internationale Belegschaft ist in vielen Geschäftsstellen in ganz Europa an der Tagesordnung. Ist Englisch zwangsläufig am besten als Lingua franca geeignet?

David Graddoll: Derzeit ist Englisch die EINZIGE Lingua franca, die Internationalisierung ermöglicht - ob nun am Arbeitsplatz, in Universitäten und Forschungseinrichtungen oder bei sonstigen Aktivitäten wie Sport. Spanisch, Mandarin, Russisch - dies sind nützliche Sprachen auf regionaler Ebene, doch bislang hat keine die globale Präsenz wie Englisch. Englisch ist in Europa in den 1990er Jahren faktisch zur Lingua franca geworden, da immer mehr Länder der Europäischen Union beigetreten sind und somit eine Kommunikation miteinander notwendig wurde. Interessanterweise hatte diese Entwicklung nichts mit Großbritannien oder den USA zu tun. In Europa gibt es mehr deutsche Muttersprachler als englische, doch die Deutschen verwenden Englisch, um sich mit Spaniern, Griechen und sogar Franzosen zu unterhalten.

S & B: Lassen Sie uns kurz über die Zukunft der englischen Sprache reden. Welche Vorstellungen haben Sie von der Zukunft des Englischen weltweit?

David Graddoll: Es ist wirklich schwierig, Prognosen für die Zukunft der englischen Sprache abzugeben, da diese in hohem Maße von denen bestimmt wird, die Englisch als zweite Sprache nutzen. In allen Teilen der Welt entwickeln sich derzeit unterschiedliche Nutzungsmuster und neue Formen. In den Ländern, die die besten Englischkenntnisse vorweisen können (wie beispielsweise in Skandinavien), lernen die Schüler bereits nicht mehr nur das Englisch, wie es Muttersprachler sprechen - sondern in ihren Lehrbüchern wird nun auch das Englisch verwendet, das Menschen weltweit als Lingua franca nutzen, darunter Chinesen, Russen, Franzosen und sogar Brasilianer. Wenn man Englisch als globale Sprache verwenden möchte, muss man diese Sprache so verstehen, wie sie Nicht-Muttersprachlern sprechen. Denn sie sind es, die die Zukunft des Englischen in hohem Maße bestimmen werden.

S & B: Herr Graddoll, vielen Dank für Ihre Zeit!



September 2012